Videokonferenzen: Ins Kämmerchen statt auf Dienstreise

Dank neuer Technik setzen sich Videokonferenzen im Alltag der Unternehmen durch. Nicht nur die Wirtschaftskrise und die Suche nach Alternativen zur teuren Dienstreise haben die Entwicklung beschleunigt, sondern auch die mittlerweile höhere Qualität von Bild und Ton.

Wenn Podolski, Lahm und Kießling in Südafrika ihre daheim gebliebenen Familien und Freunde vermissen, können sie sie in einer kleinen Kabine neben dem Mannschaftshotel Velmore Grand treffen. Dort hat der DFB nämlich einen Videokonferenzraum einrichten lassen, mit Kameras und großen Bildschirmen in HD-Qualität, verbunden mit der gut 8000 Kilometer entfernten Zentrale in Frankfurt. Auch in anderen Büros des Deutschen Fußball-Bundes stehen Videokonferenzsysteme, über die während der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft Teambesprechungen mit Funktionären, Trainern und Spielern abgehalten wurden.

Lange galten Videokonferenzen als Zukunftstechnologie, spielten im Alltag der meisten Unternehmen aber keine große Rolle. Doch nicht zuletzt die Wirtschaftskrise hat die Entwicklung der Videokommunikation in den vergangenen Jahren enorm beschleunigt. Die Reisebudgets sinken und die Unternehmen suchen nach Alternativen zu teuren und zeitaufwendigen Dienstreisen. „Natürlich können und sollen Videokonferenzen nicht alle persönlichen Gespräche und Treffen ersetzen“, sagt Sven Damberger, Geschäftsführer des Systemhauses Mobile Video Communication (MVC), das bereits rund die Hälfte der Dax-Unternehmen mit Videokonferenzanlagen ausgestattet hat. Gegenüber Telefongesprächen und -konferenzen bestünden aber klare Vorteile: „Videokonferenzen laufen viel konzentrierter ab, weil man zum Beispiel nicht wie am Telefon nebenher E-Mails lesen kann und sich dezentrale Projektpartner besser einbinden lassen. Und die Verständigung mit internationalen Gesprächspartnern ist durch die zusätzliche optische Komponente wesentlich einfacher und effizienter.“

Kaum noch ruckelnde Bilder

Der Hauptgrund für die zunehmende Akzeptanz von Videokonferenzen in Unternehmen ist aber die technische Entwicklung. Noch vor wenigen Jahren sorgten schlecht aufgelöste und ruckelnde Bilder, Systemabstürze und sekundenlange Verzögerungen bei der Übertragung eher für Ärger als für eine entspannte Gesprächsatmosphäre. Mittlerweile erzeugen hochauflösende Kameras und Bildschirme sowie Breitbandverbindungen die Illusion einer echten Konferenzsituation, auch über Tausende von Kilometern hinweg. Außerdem können mehrere Videokonferenzräume ebenso zusammengeschaltet werden wie die Computer einzelner Mitarbeiter, die so direkt von ihrem Arbeitsplatz oder von zu Hause aus über eine Webcam an den Gesprächen teilnehmen können. Die Teilnehmer können Präsentationen und Dokumente gemeinsam betrachten und bearbeiten, die Videokonferenzen können aufgezeichnet und im Nachhinein zum Beispiel auf dem iPhone angeschaut werden. „Unsere Kunden sagen uns, dass das die Arbeitsweise in ihren Unternehmen völlig verändert“, sagt Michael Ganser, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Cisco in Deutschland. Seit drei Jahren ist Cisco mit hochwertigen Videokonferenzsystemen, den sogenannten Telepresence-Systemen, auf dem Markt – und trifft auf große Nachfrage.

„Eigentlich sind Videokonferenzen ein altes Thema, aber in dem Markt war lange Zeit nur wenig Innovation. Mittlerweile ist Telepresence die am schnellsten wachsende Technologie, die wir je hatten“, sagt Ganser. „Und Exportweltmeister Deutschland liegt bei der Annahme dieser Technologie ganz weit vorn.“ Bis zum Ende des Jahres will Cisco in Deutschland zusammen mit der Telekom 100 Videokonferenzräume einrichten. Weltweit ist die Zahl der Bestellungen im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres um 50 Prozent höher als im gleichen Vorjahreszeitraum. Und für das kommende Geschäftsjahr erwartet das amerikanische Unternehmen, das 2009 den norwegischen Weltmarktführer Tandberg aufgekauft hat, ein Wachstum von 24 bis 26 Prozent im Geschäftsbereich Videokonferenzen. Konkurrent Polycom vermeldete im ersten Quartal 2010 den höchsten Konzernumsatz aller Zeiten und in den vergangenen Monaten ist nach Angaben des Unternehmens die Nachfrage nach Videokonferenzsystemen noch einmal sprunghaft angestiegen. MVC rechnet in diesem Jahr mit einem Wachstum von mindestens 20 Prozent, und auch Siemens Enterprise und T-Systems sprechen von einer positiven Entwicklung.

Hohe Anschaffungskosten

Eine Einstiegshürde, gerade für mittelständische Unternehmen, sind die Anschaffungskosten, die für Zweipersonensysteme mit 52-Zoll-Bildschirmen zwischen 10.000 und 15.000 Euro liegen, für komplett eingerichtete Videokonferenzräume aber schnell in den sechsstelligen Bereich steigen können. Deshalb bieten die Hersteller und Systemhäuser seit einiger Zeit auch Mietmodelle an. So kann beispielsweise ein Bildschirm und eine Kamera für ein bis zwei Gesprächsteilnehmer inklusive der notwendigen Breitbandverbindung für rund 2000 Euro pro Monat gemietet werden. „Das entspricht in etwa den Kosten von drei Flügen im Monat“, sagt Michael Ganser. „Kein anderes IT-Produkt hat einen so schnellen Return on Investment.“

Für einzelne Sitzungen können Unternehmen auch komplett eingerichtete Videokonferenzräume buchen, wie sie derzeit zum Beispiel die deutsche Telekom zusammen mit Cisco in mehreren deutschen Hotels einrichtet. Der Dienstleister Regus betreibt rund 2500 Konferenzstudios in 115 Ländern, in Deutschland sind es 55. Die durchschnittliche Zahl der Buchungen lag nach Unternehmensangaben 2009 um 22 Prozent höher als im Jahr zuvor. Und als Mitte April 2010 die Asche des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull den Flugverkehr in Europa lahmlegte, schnellten die Buchungen der Räume in Deutschland um 290 Prozent in die Höhe.

Ein Nachteil der Videokonferenzen ist derzeit noch die mangelnde Kompatibilität der Systeme verschiedener Hersteller und Dienstleister untereinander, so dass Unternehmen beispielsweise nicht problemlos mit Geschäftspartnern in Verbindung treten können. Doch Michael Ganser von Cisco ist sich sicher, dass sich das bald ändern und den Trend zur Videokommunikation weiter beschleunigen wird.

Stand: 06.2010
Quelle: http://www.faz.net/s/RubC43EEA6BF57E4A09925C1D802785495A/Doc~EECC40E16733E4655AB28F9BDC3EA0D74~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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