Der Videokonferenz-Zug nimmt Fahrt auf

Der Videokonferenz-Zug nimmt Fahrt auf: Der Fachhandel erwartet bis zu zehn Prozent Absatzsteigerung

Der „Geschäftsklimaindex“ für Videokonferenzen zeigt wieder nach oben – dank Trends wie HD und IP. Auch Unified Communications startet durch, so verschiedene Stimmen aus dem Channel.

Nach rückläufigem Videokonferenz-Geschäft im Krisenjahr 2009 scheint es im Videokonferenz-Markt seit Mitte dieses Jahres wieder spürbar aufwärts zu gehen. Hieß es im ersten Halbjahr für Systemhäuser und Handel bei Kundenbesuchen oft noch „außer Spesen nichts gewesen“, so füllen sich jetzt wieder die Auftragsbücher mit Videokonferenz-Bestellungen.

„Die Investitionsbereitschaft der Firmen ist nach einem schwierigen ersten Halbjahr größer geworden, und ich denke, das hat generell mit der Konjunkturbelebung zu tun“, meint Michael Fadai, Geschäftsführer des Bad Homburger TK- und Systemintegrators Auvida. „Die Anfragen haben deutlich zugelegt“, bestätigt auch Wolfgang Keller vom Medien- und Konferenzspezialisten Vidco Media Systems aus München. Auf deutlichem Wachstumkurs sieht ebenfalls Jörg Weisflog, Vorstand des auf Videokonferenzen spezialisierten Hamburger Systemhauses Vidofon, seither das Videokonferenzgeschäft. „Zehn Prozent Zuwachs gegenüber 2009 dürften schon drin sein“, meint er, wobei er das meiste Absatzpotenzial im Enterprise-Geschäft und beim größeren Mittelstand ausmacht. „Nachdem die anziehende Konjunktur wieder Budgets freisetzt, sind aber auch kleinere Mittelständler eine interessante Zielgruppe, zumal sie Nachholbedarf haben.“

Deutliches Wachstum bei der Videokonferenz plant auch der spezialisierte AV-Großhändler Vitec Distribution ein. Die von Geschäftsführer Wilhelm Mettner erwarteten 20 Prozent Mehrgeschäft entsprächen, auf den deutschen Gesamtmarkt hochgerechnet, einem Verkauf von rund 5.400 Raumsystemen. Sollte sich diese Erwartung erfüllen, dann ist sie nicht allein dem Ausbruch des isländischen Vulkans vom April geschuldet, der zumindest kurzzeitig das Interesse an und die Nachfrage nach Videokonferenzen spürbar beförderte und Mietanbietern wie Regus ein sattes Zusatzgeschäft brachte. Dass der Markt auch noch Fahrt aufnahm, nachdem keiner mehr an Aschewolken dachte, war eher konjunkturell bedingt. „Gute Gründe, die für ein Videokonferenzanschaffung sprechen, zeigen erst jetzt wieder richtig Wirkung, wo es den Unternehmen besser geht“, so Rolf Lemke, Geschäftsführer des Hamburger Systemhauses Avitel.

Gründe pro Videokonferenz-Nutzung liefern den Unternehmen zuvorderst ihre jährlichen Reisekosten-Abrechungen und das darin verborgene Sparpotenzial, aber auch die durch virtuelle Bildschirm-Meetings möglichen effizienteren Geschäftsprozesse inklusive Umweltverträglichkeit. Tendenziell steigende Reisekosten und fallende Anlagen- und Betriebskosten neigen die Waagschale immer mehr zugunsten der Videokonferenz. „Der Amortisationszeitraum für die Videokonferenz-Anschaffung liegt heute unter einem Jahr“, meint Kay Ohse, Area Sales Vice President Zentraleuropa beim Hersteller Polycom, und wird in dieser Einschätzung von Branchenkennern wie Mettner gestützt. „Heute kann ein Anbieter einem Unternehmen drei Anlagen für unter 10.000 Euro hinstellen – ohne Monitor. Wer vorher etwa zu Meetings in die USA musste, hat seine Anschaffungskosten schon nach ein paar Flügen in der Business-Klasse raus.“

Angeschoben wird das Geschäft aber auch durch Trends wie HD und IP, die Neu- und Ersatzbeschaffungen begünstigen. Hier sorgt die Kombination aus dem Komprimierungsstandard H.264/AVC und Scalable Video Coding (SVC) für HD-Qualität und gleichzeitig für an betrieblichen Desktop-Arbeitsplätzen mögliche HD-Videokonferenzen. Wenngleich sich die starken Verkäufe von Videokonferenz-Infrastruktur im vergangenen Jahr in einem ansonsten schwächelnden Markt primär der zunehmenden Nutzung von Multikonferenzen mit vielen Standorten und Teilnehmern verdanken, bereiten sie doch auch der Desktop-Videokonferenz den Boden.

Neue Chancen, neue Risiken

Dabei könnte der heute vorherrschende Trend, Videokonferenzen über IP-Netze laufen zu lassen, die IT-Abteilung als Bedenkenträger auf den Plan rufen. „Die macht sich Sorgen, was passiert, wenn alle das toll finden und auf einmal 80 oder 90 Clients Videokonferenzen abhalten, die HD-Datenströme ins Netz jagen, worauf sie netzwerktechnisch oft noch nicht vorbereitet sind“, weiß Mathias Bechler, Geschäftsführer der Vi2vi GmbH in Karlsruhe. Deshalb erwartet er größere Desktop-Projekte auch erst ab 2011. Für den Handel stellt sich zudem die Frage, ob der Verkauf der für Desktop-Videoconferencing benötigten Software-Clients an den traditionellen Umsatz mit Raumsystemen heranreichen kann.

Als künftiger Umsatzbringer in den Startlöchern steht aber auch der sich aktuell neu entwickelnde UC-Markt. Laut einer Studie von Berlecon Research haben heute bereits knapp 50 Prozent der deutschen Unternehmen ab 200 Mitarbeitern neben der traditionellen TK-Anlage eine UC-fähige Infrastruktur installiert. UC kommt, wenn auch nach Expertenmeinung erst mal vorrangig in Unternehmen ab dem gehobenen Mittelstand. Gleichwohl ist es die Zukunft – auch für das künftige Videokonferenz-Geschäft als vitaler UC-Komponente. Die Hersteller bereiten sich seit vergangenem Jahr intensiv auf den kommenden UC-Markt vor. Das sollte der Handel auch tun.

Quelle: http://www.it-business.de/news/dienstleister/marketing-vertrieb/allgemein/articles/286346/index2.html

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